🕰 Früher Morgen im Hause Herfurth ( aus Sicht des Urenkels “ Wolfgang Herfurth “ erzählt )

Ich schließe die Augen und versetze mich in das Birkenfeld des Jahres 1885.

Es ist noch dämmrig, als mein Urgroßvater Adolf Herfurth – Gymnasiallehrer am hiesigen Großherzoglichen Gymnasium – in aller Frühe erwacht. Ich stelle mir vor, wie durch das kleine Schlafzimmerfenster kühle Morgenluft hereinzieht. Elektrisches Licht gibt es noch keines; stattdessen flackert der warme Schein einer Petroleumlampe, die meine Urgroßmutter Mathilde bereits entzündet hat.
Sie wohnen in einem kleinen Häuschen in der Bahnhofstraße – schlicht, aber behaglich, mit Blick auf das erwachende Städtchen.

Meine Urgroßmutter ist schon früh auf den Beinen. Ich sehe sie vor mir, wie sie das Feuer im gusseisernen Küchenofen mit Holzscheiten anfacht – Zentralheizung gibt es nicht. Wie alle Haushalte jener Zeit heizen sie mit Holz und Kohle. Der zarte Duft von frisch gebrühtem Malzkaffee zieht durch das Haus und kündet von einem einfachen, aber liebevollen Morgenritual.

Adolf erhebt sich, streift die Müdigkeit von den Gliedern und kleidet sich mit Bedacht in der für seine Zeit üblichen Weise: ein dunkler Gehrock, darunter eine gesteifte Weste, dazu ein hohes, weißes Kragenhemd. Sein kurzer Bart ist akkurat gestutzt, das Haar streng gescheitelt – er legt großen Wert auf ein tadelloses Äußeres, wie es einem Gymnasiallehrer des 19. Jahrhunderts gebührt. In der stillen Morgenstunde nimmt er sich einen Moment für ein kurzes Gebet – ein Ausdruck seiner tiefen Religiosität. Er dankt für den neuen Tag. Ich weiß, dass dies für ihn keine bloße Formalität ist, sondern eine tägliche innere Einkehr, wie sie für viele seiner Generation selbstverständlich war.

Anschließend begibt sich mein Urgroßvater in die kleine Wohnstube, wo Mathilde bereits den Tisch gedeckt hat. Sie empfängt ihn mit einem warmen Lächeln.
Als Tochter des angesehenen Apothekers Eduard August Gleimann – damaliger Inhaber der altehrwürdigen Hirsch-Apotheke an der Hauptstraße – bringt sie Bildung, Anstand und feine Umgangsformen in die Ehe. Ihre Verbindung mit Adolf vereinte zwei angesehene Birkenfelder Familien: die Lehrerfamilie Herfurth und die Apothekerfamilie Gleimann.

Ein bemerkenswerter Gedanke: Die Hirsch-Apotheke, deren Geschichte über drei Jahrhunderte hinweg von verschiedenen Besitzergenerationen geprägt wurde, feiert im Jahr 2025 ihr 300-jähriges Bestehen – ein eindrucksvolles Zeugnis städtischer Kontinuität und medizinischer Versorgung.
Dass genau diese Apotheke, die heute seit Jahrzehnten meine Stamm-Apotheke ist, einst von meinem Ururgroßvater geführt wurde, erfüllt mich mit stillem Stolz und tiefer Freude.

Die beiden setzen sich gemeinsam. Ich stelle mir vor, wie im Hintergrund das leise Ticken der Wanduhr zu hören ist. Während sie frühstücken, tauschen sie erste Worte des Tages aus. Mathilde berichtet, dass ihr Vater heute früh bereits Heilkräuter aus dem Garten geholt habe – und ich sehe vor mir, wie sie schmunzelt, während sie erzählt, wie der alte Apotheker im Morgendunst zwischen den Beeten steht, bevor die Sonne aufgeht.

Mein Urgroßvater hört aufmerksam zu und lächelt. Es ist ein stiller, fast rührender Moment. Ich kann mir vorstellen, wie er sich dabei seiner familiären Wurzeln bewusst wird – wie viel diese Apotheke, dieses Haus, diese Menschen für ihn bedeuten.

Das Frühstück ist schlicht, aber voller Zuneigung. Mathilde hat dünne Scheiben Brot mit Honig bestrichen und ein gekochtes Ei für ihn vorbereitet. Sie unterhalten sich über den bevorstehenden Tag. Adolf erwähnt, dass heute eine Lehrerkonferenz angesetzt sei – vermutlich, um über die anstehenden Prüfungen und Disziplinfragen zu sprechen. Mathilde hört interessiert zu. Als Apothekerstochter ist sie gebildet und kennt viele Schülerfamilien in der Stadt.

Inzwischen ist draußen das Licht des Tages stärker geworden. Die Sonne beginnt, das Residenz-Städtchen Birkenfeld in ein blasses Morgenlicht zu tauchen. Adolf zieht seine Taschenuhr hervor: sieben Uhr. Zeit, sich auf den Weg zur Schule zu machen.

Er erhebt sich, setzt behutsam seinen schwarzen Filzhut auf und greift nach dem Lederhandschuh, der am Haken hängt. Mathilde hilft ihm in den dunkelgrauen Überzieher, der gegen die kühle Morgenluft schützt. Zum Abschied drückt sie ihm liebevoll die Hand. In der Tür erscheint plötzlich ihr kleiner Sohn Christoph – mein Großvater, 3 Jahre alt – im Nachthemd. Verschlafen reibt er sich die Augen, offenbar vom Gespräch der Eltern geweckt. Adolf streicht ihm sanft über den Kopf und sagt mit einem Lächeln: „Schlaf ruhig noch ein Stündchen, mein Junge.

Dann tritt er hinaus in den beginnenden Tag – und ich folge ihm in Gedanken auf seinem morgendlichen Weg durch Birkenfeld.

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