Hall Droff!

90 Jahre Schubkarren-Raserei wenn Hoppstädten-Weiersbach & Bleiderdingen zum Nürburgring auf drei Rädern wird.


Benzingeruch? Fehlanzeige – hier duftet es nach Wettkampf und Waffeln

Ein träge surrender Sommertag Anfang August, irgendwo zwischen Hunsrückrand und Pfälzerwald. Plötzlich rollt eine Karawane aus rot-lackierten Karren, Kinderwagen mit Chromstoßstange und selbstgezimmerten Ackerboliden die Hauptstraße von Hoppstädten-Weiersbach hinunter. Im Birkenfelder Land kennt jedes Kind das Spektakel: Schubkarrenrennen – oder liebevoll „Schubbkarren“ – seit 1935. Vom 1. bis 3. August 2025 feiert der Ort nun 90 Jahre Tempo-Sport, Kirmeslaune und erfrischend rheinland-pfälzischen Wortwitz.

Der 393-Meter-Rundkurs trägt nicht umsonst den Namen „Toller Rennkessel“. Bereits beim ersten Schritt auf den Asphalt schwappt einem der Mix aus gebräunter Bratwurst, quietschenden Kugellagern und Guerilla-Blaskapelle entgegen. Kaum fällt das Startsignal – traditionell das heiser gebrüllte „Hall Droff!“ – zerrt die Dorfphysik an den Rennpiloten. Nur wer den Frack glatt, die Knickerbocker plustrig und die roten Kniestrümpfe knallrot hat, genießt im Publikum ersten Credit.


Vom Hübel zum Hexenknie – die Stunde Null einer schrulligen Legende

26. November 1935. Zwölf wagemutige „Heck-Meck-Aktivisten“ rempeln in Holz- und Blechschubkarren über den staubigen Hübel. Ein Jahr später verlegt die Dorfjugend die Piste in die Ortsmitte und verpasst jeder Kurve einen Namen, der klingt wie aus einem Heimatroman auf Koffein:

  • Seufzerbrücke – hier geht das erste Stöhnen durchs Fahrerfeld.
  • Muskelriss – spätestens dort trennt sich Show-Fahrwerk von ernsthaftem Ehrgeiz.
  • Hexenknie – die legendäre „Links-rechts-Peitsche“, bei der selbst Physiotherapeuten luftig pfeifen.

Seit 90 Jahren brennt das Kürzel „SRH“ (Schubkarrenrennen Hoppstädten) in jede Dorffassade, und „Hall Droff!“ ersetzt in der Rennwoche sogar das klassische „Gude!“.


Fünf Momente, die den Asphalt zum Plaudern bringen

JahrKuriositätWirkung
1953Kinderwagen-Krawall: Das Komitee ruft das „Damen-Flachrennen“ aus. Anstelle von Werkzeug-Karren rollen verchromte Buggys; Petticoats flattern im Fahrtwind.Gleichberechtigung mit Karacho – und das, bevor das Wort im Duden Trendstatus erreicht.
1960SWR-Abendschau hechelt hinterher. Ein Kamerateam kehrt mit Schlamm an der Linse, aber glänzenden Einschaltquoten zurück.Hoppstädten wird bundesweit sprichwörtlich zum „Tollen Rennkessel“.
2000Rekordjahr: 164 Starterinnen und Starter, plus Debüt eines Vierer-Staffelrennens am Vorabend.Staffel-Fieber erfasst sogar die Kirchen­chormitglieder.
2020Pandemie-Kollaps: Erstmals seit Kriegsende herrscht Funkstille auf dem Kurs. Präsident Manfred Pitz seufzt in die Lokalpresse.Zwangspause stärkt das Wir-Gefühl.
2024Vereins-Boxenstopp: Aus dem losen Komitee wird ein eingetragener Verein.Organisations-Turbo für die nächsten 90 Jahre.

Der Mann, der Schöppel mit Vornamen heißt

Spricht das Dorf von Schnelligkeit, fällt automatisch Dieter Schöppel – Rekordpilot, Karre-Flüsterer, Lokalmatador. Fünfmal in Folge (1977 – 2005) donnert Schöppel als Erster über die Ziellinie und hält bis heute den Kursrekord von 53,06 Sekunden – wohlgemerkt mit Karre, nicht auf Spikes. Beim Jubiläum 2015 pressen laut Rhein-Zeitung über tausend Zuschauer die Nasen gegen die Absperrungen, nur um zu sehen, wer versucht, Schöppels magische Marke zu knacken.


Warum das Rennen tickt wie ein Kuckucksuhr-Motor

  1. Grenzwertige Gefährte
    Halb Gartenwerkzeug, halb Transformer. Holzkarossen tragen Blumenkästen als Spoiler, mancher Bauernsohn sattelt Teile alter Mähdrescher auf das Chassis. Zulassungsbehörde? Fehlanzeige – Hauptsache, die Karre rollt.
  2. Kirmeslaune trifft Wettkampffieber
    Neben dem Kurs wirbelt ein Rummelplatz in Miniaturformat: Mandelduft hängt über dem Tränental, während an der Endkampfbrücke eine Cover-Band „Highway to Hell“ durch Polizeiverstärker jagt – untermalt vom Rattern der Riesen-Bratpfanne.
  3. Rheinland-pfälzischer Wortwitz
    Einheimische drehen an jeder Gelegenheit am Dialekt-Regler: „Unn? Schon widder de Holger uff de Muskelriss geknallt?“ Wer solche Kommentare nicht versteht, spürt sie spätestens beim nächsten Lachanfall in den Rippen.

2025 – die große Neunziger-Sause

Streckeneinteilung

  • Schwere Transportklasse: Schubkarren, groß genug, um drei Säcke Kartoffeln oder einen klemmenden Gitarristen zu tragen.
  • Mittlere Landwirtschaftsklasse: Alles, was sonst auf dem Feld blecht und ächzt.
  • Kinderwagenklasse: Chrom, Klappdach, vielleicht noch ein Hupen-Upgrade aus dem Skate-Shop.

Programmhighlights

UhrzeitProgrammpunkt
Freitag, 19:00Vierer-Staffel-Warm-up – Kettenwechsel unter Flutlicht
Samstag, 10:00Offizieller Festakt „90 Jahre Hall Droff“
Samstag, 14:00Vorausläufe sämtlicher Klassen
Samstag, 19:30Party an der Seufzerbrücke – Live-Band „Karren-Rockers“
Sonntag, 12:00Finalläufe & Kinderwagen-Krawall
Sonntag, 15:00Siegerehrung & Erbsensuppen-Bad für die Gewinner

Alles für das Publikum

Frühaufsteher sichern den Platz an der Hexenknie-Innenseite – dort entscheidet sich oft das Rennen. Klappstuhl-Veteranen schwören auf den Schattenstreifen am „Muskelriss“. Für Durstige empfiehlt das Komitee den Stand „Hopfstettener Hopfenblüte“; eine Hopfenlimonade, die prickelt wie ein versehentlich geladener Akkuschrauber.


Stimmen aus dem Fahrerlager

„Der Muskelriss? Der Muskelriss ist der Ort, wo selbst die Familienpackung Magnesium nichts mehr rettet.“
— Lena Breyer, dreifache Damen-Flachrennen-Gewinnerin

„Man kann hier keine Siege kaufen, höchstens eine Ersatzfelge hinter der Seufzerbrücke.“
— Sven „Schub-Sven“ Klammer, Lokal-Tüftler und Platz-dreizehn-Dauerabo-Inhaber


Besucherleitfaden: Vom Frackbügeln bis zum Abkühl-Bembel

  1. Dresscode respektieren – Schwarzer Frack, helle Knickerbocker, rote Strümpfe. Wer im T-Shirt auftaucht, wird trotzdem geduldet, muss sich aber auf Holzhammer-Humor einstellen.
  2. Zeitig anreisen – Parkplätze sind so rar wie unbesetzte Tubapositionen im Musikverein.
  3. Kurven-Patenschaft – Für 20 Euro winkt ein Namensschild unter dem Kurvenschild; der Erlös hält Vereins-Stoßdämpfer geschmeidig.
  4. Souvenir sichern – Limitierte Startnummern-Magnete 2025; wertvoller als Briefmarken, sobald sie vergriffen sind.
  5. Regengerüst – Ein Sommer­guss verwandelt den Kessel in eine Seifenbahn. Gut für spektakuläre Querdrifts, schlecht für weiße Socken.

Das Geheimrezept: Tradition mit Schraubenzieher-Charme

Sämtliche Diplome in Event-Management könnten das Erfolgsgebräu kaum sauber sezieren. Entscheidend ist die Gleichung: Heimatliebe + Selbstironie + Schrauberblut = Hopfstädten-Weiersbachs Schubkarrenrennen. Wenn eine 93-jährige Oma an der Seufzerbrücke den Streckenrekord mitschnauft oder der Nachwuchs auf dem Bolzplatz aus Backblech einen Turbo-Spoiler dengelt, dann pulsiert hier mehr Innovationskraft als in manchen Start-ups mit Kickertisch.

Dass das Ganze 2024 in einen eingetragenen Verein gegossen wurde, liest sich nüchtern wie ein Verwaltungsakt. In Wahrheit ist es der Schutzhelm für die Zukunft: transparente Finanzen, Planbarkeit, Sponsoren, die wissen wollen, wohin der Euro rollt.


Ausblick – oder warum 100 Jahre schon längst gesetzt sind

Die Vorstandsrunde denkt laut über digitale Zeitmessung, Livestreams für Exil-Hopfstettener und eine „Hall Droff-App“ nach. Gleichzeitig schwören Alt-Veteranen: Solange der Startschrei keine Push-Benachrichtigung, sondern menschliches Organ ist, bleibt der Kessel echt.

Nebenher bastelt der Nachwuchs an einer Solar-Schubkarre („Wenn der Nürburgring E-Rennen kann, kriegt Hopfstädten das dreifach hin“). Andere träumen vom ersten inoffiziellen Berg-gegen-Tal-Duel auf dem Hexenknie. Egal welches Gimmick siegt: Der Klassiker – Frack, Knickerbocker, rote Socken – bleibt unantastbar.


Schlusskurve

Der Countdown tickt. 1. August 2025 nähert sich mit quietschendem Reifen. Wer den Thrill aus Nostalgie, Nachbarschaft und nackten Radlagern inhalieren will, sollte den Bügelfalten schon jetzt einen Probelauf gönnen und sich an der Seufzerbrücke eine Asphaltnase sicherstellen. Denn in Hoppstädten-Weiersbach sind die besten Plätze stets schneller weg als eine Schubkarre auf Rekordkurs.

Hall Droff!

Wolfgang Herfurth – Juli 2025

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