Ein Tag der Familie Herfurth in Birkenfeld (Frühjahr 1885)

Valentin Adolf Herfurth – Gymnasiallehrer, Organist, Dirigent des Liederkranzes und Vereinsvorsitzender

Morgen in der Bahnhofstraße

Seit dem Sommer 1880 hat Birkenfeld ein neues Herzschlagen. Noch ehe die Dächer ganz aus der Dämmerung treten, hört man an der Rampe den kurzen Pfiff, das Rollen über Schienen, das metallische Klacken der Haken, einen Zuruf an der feuchten Mauer. In der Bahnhofstraße, kaum 150 Meter vom neuen Bahnhof, steht im Obergeschoss ein Fensterflügel auf einen Spalt. Die Luft ist kühl, ein Faden Kohlenrauch steht über dem Pflaster. Auf der anderen Bettseite ist es schon leer und warm: Mathilde ist seit der Dämmerung mit Lina in der Küche. Valentin Adolf Herfurth legt die Decke zurück, lauscht einen Atemzug lang in den Morgen – und steht auf.

Auf dem Waschtisch warten Steinkrug und Porzellanschüssel; das Brunnenwasser beißt an Stirn und Nacken, wenn er es über die Haut führt. Es ist die kurze, gründliche Katzenwäsche der Zeit; ein Leinentuch liegt bereit. Er trocknet den kurzen Bart, zieht mit zwei Fingern den Scheitel, spricht still sein Morgengebet und kleidet sich an: weißes Kragenhemd, gesteifte Weste, dunkler Gehrock. Die Krawatte sitzt sauber; die Uhrkette verschwindet in der Westentasche. Ein Strich mit dem Tuch über die Stiefel – Haltung beginnt am Morgen.

Der Bahnhof als Taktgeber

Aus der Ferne antwortet der Bahnhof, als gehöre er seit jeher zum Tageslauf: ein Karren über Bohlen; eine Kiste mit „Glaswaren – vorsichtig!“; der Frachtagent ruft Namen. Ein Briefsack schlägt dumpf auf, ein Schaffner zählt, ein Bursche trägt ein schmales Paket mit dem Stempel „Musikalien, Mainz“. Seit dem 2. Dezember 1879 liegt die Konzession vor; seit dem 15. Oktober 1880 fährt die Birkenfelder Zweigbahn – erwirkt durch Bürgermeister Eissel. Die Wege sind kürzer geworden; man spürt es schon vor dem ersten Brot.

Frühstück am Familientisch

Im Flur werden Kinderstimmen wach. In der Küche knackt Holz; Lina, die Aufwartefrau, hat vor der Dämmerung das Feuer im gusseisernen Ofen entfacht. Mathilde, geborene Gleimann, prüft die Hafergrütze, stellt die Kanne Malzkaffee beiseite, schneidet Brot. Auf dem Leinentuch stehen Butter, Hagebuttenmarmelade, ein Schälchen Honig, Zinntassen, zwei Lätzchen.

Die Kinder kommen mit ihren kleinen Aufgaben, jede Hand weiß, was sie tut: Karl August (8) führt das Brotmesser und hält die Scheiben gleich; Elise Amalie (6) streicht Butter und hat zugleich ein Auge für Maria Mathilde (4), die Tassen mit beiden Händen so sorgsam trägt, als trüge sie Porzellan aus der guten Stube; der kleine Adolf (2) besteht darauf, selbst zu löffeln; Christoph Martin Friedrich, knapp anderthalb, sitzt erst auf Linas Arm, dann sicher in der Kinderbank – und doch wird aus diesem kleinen Jungen einmal der Großvater des späteren Autors dieser Geschichte: Christoph, der 1962 verstarb. In der Erinnerung seines Enkels bleibt er ein gütiger, liebevoller Opa. Würde sein Vater das ahnen, er würde wohl nur leise nicken.

„Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast…“ Der Ton ist leise, aber er ordnet alles. Karl reicht Becher, Elise schiebt Maria die kleine Tasse zu, Mathilde schöpft Grütze, Lina wischt einen Tropfen am Tischrand fort. „Karl, ruhiger.“ – „Elise, die kleine Tasse.“ – „Adolf, der Löffel bleibt im Teller.“ – „Christoph, jauchzen ja, schütten nein.“

Nebenher berichtet Mathilde: Ihr Vater sei seit Tagesgrauen in der Hirsch-Apotheke, die Etiketten müssten neu, im Garten seien die Heilkräuter fällig. Seit die Bahn die Stadt erreicht hat, kommen die Dinge des Heilens anders und schneller als früher: Kisten mit Verbandszeug und zusammengerollter Zinkleinwand, Flaschen Carbolsäure und Salmiakgeist, sauber verschlagen und gestempelt. Und nun, da in diesem Jahr – seit dem 7. Februar 1885 – das Elisabeth-Krankenhaus der Elisabeth-Stiftung in Betrieb ist, ein einstöckiges Haus mit 25 Betten, ist jeder solche Kasten doppelt willkommen. Man spricht in der Stadt – eine Stadt von rund zweieinhalbtausend Seelen; die frühere Garnison ist seit 1867 Geschichte – davon, dass Stahlbetten angeschafft und Leinen in genügender Zahl bereitgehalten werden. Träger ist der Vaterländische Frauenverein unter dem Protektorat der Großherzogin Elisabeth von Oldenburg; ärztlicher Leiter (Stiftungsarzt) ist der Birkenfelder Haus- und Distriktsarzt Dr. Flick. Bedürftige Kranke erhalten über den Suppenverein eine tägliche warme Mahlzeit.

Als die evangelische Kirche die siebte Stunde schlägt, wird es still. Herfurth richtet Christoph die Serviette, streicht Karl über die Schulter, tippt Maria ans Kinn, nickt Elise. Mathilde legt ihm den Mantel an und reicht den Filzhut; das Haus atmet einmal tief, als die Tür ins Schloss fällt.

Der Weg durch Birkenfeld

Er geht die Bahnhofstraße entlang, jedoch nicht hinauf zum Bahnhof, sondern stadteinwärts. Nach wenigen Dutzend Schritten heißt die Straße Friedrich-August-Straße; dort biegt er sofort rechts in die Schneewiesenstraße. Es sind kaum 500 Meter von der Haustür bis zum Schultor – und doch genug, um die Stadt im Gehen zu erkennen: der Händler, der auf die Rampe blickt; der Handwerksmeister, der eine Kiste erwartet; ein Bursche, der mit leerer Kiste zum Agenten eilt.

Manchmal macht Herfurth vor der Abzweigung einen Schlenker in die Hauptstraße, nur um den Schwiegervater durch die Scheibe zu grüßen. Über dem Eingang der Hirsch-Apotheke schwingt das schmiedeeiserne Schild mit dem goldenen Hirsch. 1725 wurde die Apotheke gegründet; 1831 ist sie aus dem „Haus Löblein“ nebenan in jene Räume verlegt worden, die man bis heute betritt – eine Geschichte, die im Holz der Schubladen sitzt. Ein Hebeln an einer Pipette, ein Nicken des alten Franz Eduard August Gleimann – genug.

Zwei Dutzend Schritte über den Kirchplatz, der Turm gedrungen und spätgotisch; durch eine schmale Gasse steht Herfurth wieder in der Schneewiesenstraße – vor der ehemaligen Infanteriekaserne, die nun das Großherzogliche Gymnasium beherbergt. Im Hintergrund weiß jeder Birkenfelder, dass hier zugleich die Fäden der Landesverwaltung zusammenlaufen: Das Fürstentum Birkenfeld ist eine oldenburgische Exklave; an der Spitze steht der Regierungspräsident (August Barnstedt), residierend in Birkenfeld. Und irgendwo zwischen Amtsblättern und Karten liegt nun auch die neue Elisabeth-Stiftung – ein Haus, das es vor wenigen Monaten noch nicht gab.

Am Brunnen kniet eine Wäscherin am Waschbock; die Knöchel rot vom kalten Wasser. Ein Bursche mit Spaten über der Schulter – Tagelöhner, heute am Graben hinter dem Lohgerber. Zwei Kinder in zu großen Holzschuhen tragen einen Kohleneimer, der Henkel ist mit Draht geflickt. Im Hinterhaus wohnt eine Familie mit einem Kostgänger; der Lohn geht zuerst ans Kostgeld. Beim Kolonialwarenhändler lässt man anschreiben und zahlt am Zahltag – wenn die Woche gnädig war.

Vormittag im Gymnasium: Latein & Griechisch

Der Hof ist geordnet, Tornister kantig, Kappen gerade. Zwei Sextaner läuten mit Handglocken die Acht heran; ein Holzreifen klackt, verstummt unter dem Blick des Aufsehers. Im Klassenraum steht die Obertertia neben den Plätzen.
„Guten Morgen, meine Herren.“ – „Guten Morgen, Herr Lehrer!“

Latein zuerst. Gallia est omnis dīvīsa in partēs trēs… Die Kreide zeichnet ohne Hast. Schneider stolpert bei ūnam incolunt Belgæ; ein Kichern will aufkommen – die erhobene Hand genügt. „Subjekt? – Prädikat? – Wen oder was? – Wovon?“ Pfeile auf der Tafel, das Gewicht der Wortstellung erklärt, drei Sätze wandern vom Aktiv ins Passiv und zurück, bis die Tinte in den Heften gleichmäßig glänzt. Wer sauber schreibt, denkt oft sauberer.

Dann Griechisch. Er schlägt den Hexameter der Odyssee laut an, die Daktylen gehen hörbar, die Spondeen stehen wie Pfosten. Ein Primaner übernimmt. „Wo hören Sie den Spondeus?“ Drei Wörter legt Herfurth in die Luft: xénos, oíkos, nóstos – Gast, Haus, Heimkehr. Die Tür öffnet sich leise; Direktor und Schulinspektor treten ein. Aufstehen, kurzer Gruß. „Fahren Sie fort, Herr Herfurth.“ Keine Schaunummer: Ein Schüler übersetzt sicher, der Lehrer fragt nach dem Stilmittel, nickt knapp. Beim Gehen fällt ein Randwort des Inspektors: Hygiene. Wenn Birkenfeld nun ein eigenes Haus für Kranke habe, müsse auch die Schule das Ihre tun – Lüften, Reinlichkeit, Ordnung. Herfurth nickt bei sich: gestern stand die Carbolflasche in der Apotheke griffbereit.

Hofpause: ein Streit und seine Lösung

In der großen Pause knallt ein Reifen an die Brunnenmauer; zwei Untertertianer prallen aneinander – Becker und Klein –, Brotzeitplatz, Rempler, ein Käppchen im Matsch. Der Kreis zieht sich enger.

„Name?“ – „Becker.“ — „Und Sie?“ – „Klein.“ — „Grund?“ – „Er hat meinen Platz weggenommen.“ — „Ich habe nur beiseite geschoben, Herr Lehrer.“
„Beiseite geschoben ist geschoben. – Wo lag Ihr Käppchen, Becker?“ – „Am Brunnen.“ – „Und Ihres, Klein?“ – „Ich… hatte keins, Herr Lehrer.“

Herfurth wiederholt das Gehörte ohne Spott, legt es nebeneinander wie zwei Lineale. „Klein, Sie klopfen Beckers Käppchen sauber, bringen es zur nächsten Stunde trocken zurück. – Becker, Sie sagen ohne Gehässigkeit: Es ist gut. – Beide geben sich hier und jetzt die Hand. Und beide schreiben heute Abend je zehn Zeilen: Wozu Ordnung gut ist – drei Beispiele aus meinem Tag.
Die Hände treffen sich zögerlich – und werden fest. Der Kreis atmet aus, ein Reifen rollt weiter. Zwei Jungen erzählen im Weggehen, der Bürgermeister sei in aller Frühe am Tor der Elisabeth-Stiftung gewesen – ein kurzer Dienstgang, ein Gruß, zwei Sätze mit Dr. Flick; keine Rede. Trotzdem spricht die halbe Stadt darüber.

Lehrerkonferenz & „Stadtklang“

Vor Mittag noch eine Wiederholungsstunde, dann Konferenz. Hoher Raum, schwere Stühle; an der Wand Karten, in der Luft ein würziger Streifen Zigarrenrauch. Der Direktor verliest die Punkte: Prüfungsvorbereitung, Maß bei Quartalsnoten, Vertretungen. Ein Disziplinarfall: zwei Sextaner seien in der Religionsstunde abgängig gewesen; man habe sie im Apothekengarten beim Käfersammeln gesehen. Beschluss: Verwarnung, Nachsitzen am Samstag.

Herfurth berichtet vom freiwilligen Turnunterricht: die Riegen greifen, die Teilnahme wächst; zwei Stahlstangen fürs Reck würden den Betrieb sichern. Der Direktor, sparsam mit Lob, sagt: „Geist und Körper – fahren Sie fort.“ Nebenher fällt ein Wort auf 1879: Mit den Reichsjustizgesetzen arbeitet das Amtsgericht Birkenfeld – dem Landgericht Saarbrücken zugeordnet. Und als er die Kartenrollen und die Kreide lobt, die neuerdings „so rasch“ per Bahn eintreffen, fügt er fast verlegen hinzu, die Bahn sei auch dem neuen Krankenhaus ein Segen: Glaswaren zerbrächen seltener, Arzneistoffe kämen rechtzeitig.

Draußen trägt die Stadt ihren Klang wie ein Chor: Bei der Schmiede hell und dunkel gegeneinander; beim Böttcher springt ein Reifen; beim Lohgerber klatscht eine Haut auf Holz; in einer Werkstatt surrt ein Bohrer, und der Bäcker lässt die Klappe fallen. Ein Korb mit Eiern kommt eilig gegen den Strom, Bretter liegen auf Schultern; ein Hund schlägt kurz an – und die Kirchturmuhr sammelt alles zum Mittagsläuten.

Mittagstisch und Korrekturen

In der Bahnhofstraße empfängt ihn Ofenwärme: Kartoffelsuppe mit Möhre und Lauch, ein Stück Speck, dazu Roggenbrot. Nach dem Tischgebet kreuzen sich Sätze in vertrauten Bahnen. Mathilde sagt, Frau Keller habe um einen Blick auf den Ellenbogen ihres Großen gebeten; „nach dem Kirchplatz“, sagt Herfurth. Karl will zum Brunnen; Elise soll mit. Maria kündigt an, sie könne „La-lu-le“ lesen; „Eine Zeile, bevor du schläfst“, verspricht der Vater. Nach dem Essen spült Mathilde mit Lina in der Zinkschüssel; das Wasser steht im Eimer vom Brunnen. Karl trägt nach, Elise stellt Tassen. Herfurth sitzt am Fenster mit dem Stapel Hefte, taucht die Feder, setzt Randkommentare; draußen rufen Kinder, ein Karren rattert, der Duft der Obstblüte kriecht durch die Fugen.

Im Haushalt gilt bürgerliche Ordnung: Holz und Kohle werden über die Woche bemessen, nicht aus Not, sondern aus Gewohnheit. Butter wird ordentlich gestrichen, der Speck gibt Geschmack; im Keller stehen Kartoffeln, Apfelkisten, ein paar Gläser Eingemachtes. Der Suppenverein ist für die, die es brauchen – hier hilft man eher mit einem Korb, wenn Frau Pfarrer ruft.

Bahnpost & Schulamt

Da klopft es kurz. Der Postbote steht in der Tür, Mütze in der Hand, eine Rolle unterm Arm: „Vom Agenten am Bahnhof, Herr Lehrer – Musikalien aus Mainz, wie es scheint.“ Ein schmaler Zettel, sauber lithographiert. Herfurth löst die Kordel, rollt die Noten über dem Tisch auf: einfache Choralbearbeitungen, klare Männerchorsätze – Material für den Liederkranz – und, welch Trost der Moderne, zwei frische Stahlfedern. „Die Bahn bringt’s“, sagt der Bote; „und schneller, als man schreiben kann.“ Wenig später kommen vom Schulamt zwei gerollte Wandkarten, sauber in Packleinwand, mit Stempel von fernher. Die Wege sind kürzer geworden; man merkt es an vielen Ecken.

Als die evangelische Kirche zur halben schlägt, notiert Herfurth im Kopf noch einen Termin: Am Sonntag soll der Liederkranz – sein Männerchor, den er seit 1883 dirigiert – nach dem Gottesdienst im Pfarrsaal eine kurze Probe halten; für das Maifest ist ein Auftritt vor der Kirche geplant, ein schlichter Choral mit anschließender Strophe im vierstimmigen Satz.

„Bei Vater in der Hirsch-Apotheke“

Unterdessen hat Mathilde das Kopftuch gebunden; Elise und Maria an den Händen, Lina schiebt den Handwagen. Beim Bäcker ein Gruß, Roggenwecken und Zwieback für Christoph, der auf die Zähne kommt. Zwei Sätze darüber, wie die Bahn die Mehlfrage verändert; der Meister sagt, der Händler aus der Stadt liefere nun verlässlicher und nicht mehr wetterlaunig. Beim Kolonialwarenhändler Salz, Stückzucker, Zichorie; die Frage, ob das Gauturnen wohl nach Birkenfeld komme. „Noch offen“, sagt Mathilde.

In der Hirsch-Apotheke riecht es nach Lavendel, Seife, Spiritus. Auf der Arbeitsplatte Mörser aus Porphyr und aus Steinzeug; auf dem Tisch eine geeichte Balkenwaage; kleine braune Gläser in Reih und Glied, daneben ein Stapel Gummistopfen. Die Etiketten – sauber vorgeschnitten – werden mit Leim gestrichen und im richtigen Winkel geklebt, dass man sie im Fach gleich lesen kann. In der Offizin führt Gleimann ein schmales Journal: Datum, Bezug, Preis, ein Strich beim Ausgeben – mehr braucht es nicht, wenn die Hand ruhig ist. „Vater.“ – „Mathilde.“ – „Die Kinder?“ – „Bei Lina vor der Tür.“

Eine Einreibung für Kellers Jungen; neue Etiketten; ein Tropfen Liebfrauenmilch für den Sonntag. Für die Elisabeth-Stiftung liegt ein Bestellzettel bereit: Carbolsäure, Liq. Ammon. caust. in kleiner Menge, Gaze, Zunder, zwei Dutzend Glasröhrchen. Gleimann setzt mit ruhiger Hand seine Anmerkungen darunter und sagt, er wolle die Kiste heute noch persönlich hintragen.

An der Schwelle kreuzt Mathilde eine junge Schwester – graues Tuch, schlichte Haube –, die ein Bündel Leinen trägt. „Es wird gebraucht, gnädige Frau. Es wird gleich gebraucht.“ Auf dem Rückweg am Kirchplatz eine Nachbarin mit der Milchkanne; drei Sätze über den Morgenzug – zwei Kisten Tuchballen seien gekommen, und eine Dame sei ausgestiegen, deren Hut man sich merken werde. An der Pumpe hilft ein Bursche beim Eimer; Elise sagt „Danke“. Solche Höflichkeiten sind keine Kleinigkeit.

Frauenverein im Pfarrhaus – Rückblick 1882–1885

Am späteren Nachmittag – während Herfurth bereits zur Turnhalle geht – biegt Mathilde mit Elise und Maria beim Pfarrhaus ein. Im Saal riecht es nach Bohnerwachs und frischer Leinwand; auf den Tischen liegen zugeschnittene Mullstreifen, Leinenbahnen, Garnrollen, ein Griffelbuch mit Listen. Seit 1882 trifft sich hier der Vaterländische Frauenverein, gegründet unter dem Protektorat der Großherzogin Elisabeth von Oldenburg. Aus dieser bürgerlichen Arbeit ist in diesem Jahr das Elisabeth-Krankenhaus erwachsen – ein Haus mit 25 Betten, das man nun täglich mit Händen und Herzen mitträgt.

Neben Verbandszeug und Leinen denkt man hier auch an die leisen Nöte: Wöchnerinnenpakete mit Hemdchen und Windeln, zwei Paar Kinderschuhe in gemeinnütziger Größe und die kleinen „Suppenmarken“ für Familien, bei denen es am Herd nicht reicht.

Die Bürgermeisterin führt Protokoll, Frau Pfarrer teilt Aufgaben; am Kopfende sitzt Schwester Therese, die dem jungen Dr. Flick assistiert. „Wir brauchen zehn Paar Bettlaken, gezeichnet mit rotem Faden – Stiftungseigentum“, heißt es; „Gaze in Bündeln zu fünfzig Ellen“; „Wickel für Knie und Ellenbogen – nicht zu schmal“; „zwei Schürzen für die Milchküche“. Mathilde, die Apothekertochter, prüft die Etiketten für zwei kleine Hausapotheken – Kampfer, Salmiakgeist, Spirit. sapon., Zinkleinwand – und macht sich eine Liste für ihren Vater: „Gummistopfen Nummer 2 und 3, zwanzig Stück.“

Rückblick beim Aufräumen der Stoffbahnen. „Wissen Sie noch,“ sagt die Bürgermeisterin, „als wir 1882 das erste Mal hier saßen – nur mit einer Liste und einem Kästchen für Spenden?“ Frau Pfarrer nickt: „Drei Jahre haben wir organisiert: sammeln, zählen, nähen, verhandeln, Pläne prüfen, Rückschläge tragen – und heute steht das Haus.“ Mathilde lächelt leise: „Ich sehe uns noch, wie wir die ersten Laken gezeichnet haben – und wie wir uns fragten, ob die Bahn rechtzeitig Glaswaren bringen würde. Jetzt ist es geschehen.“ Schwester Therese fügt schlicht hinzu: „Und morgen werden wieder Betten bezogen.“

Elise knotet Fäden an die Laken, Maria sortiert Zwirn. Die Frauen beschließen einen Korb für den Suppenverein (Semmeln, Rindssuppe, etwas Reis). Zum Schluss ein leises Gebet; Mathilde verpflichtet sich zu zwei Schürzen, „die bei Dampf nicht eingehen“, und richtet Schwester Thereses Bitte um zwei Dutzend Glasröhrchen an die Apotheke aus.

Turnstunde vor den Toren

Ein Becher Getreidekaffee, dann wechselt Herfurth das Gewand. Leinenhemd, die Ärmel hochgerollt, die Schnürung fester; die Krawatte bleibt in der Schublade. Mathilde legt ein frisches Handtuch in die Tasche und lächelt: „Für nach dem Turnen.“ Er nickt.

Am Stadtrand steht die zur Turnhalle umgebaute Scheune, Lehmboden, offener Dachstuhl, ein kleiner Geräteraum. Reck, Barren, Pferd werden hinausgetragen, Matten gelegt. Als Herfurth auf den Hof tritt, stellen sich die Männer wie von selbst in einer Reihe auf. „Gut Heil, Herr Vorsitzender!“ – „Gut Heil, meine Herren!“

Die Kommandos sind knapp und freundlich. Aufwärmen, Armpendeln, Rumpfbeugen, Kniehebelauf in Platzbahnen – der Atem findet in den Takt. Dann Riegen: Die Jüngeren am Reck (Griff, Vorschwung, Abgang, sauberer Stand), die Erfahrenen an den Barren (Stütz, Kehre, Grätschschwung). Herfurth turnt vor, nicht um zu glänzen, sondern um die Bewegung still zu zeigen. „Ruhig“, sagt er, und die Landung wird leiser. Am Pferd rutscht ein Schlosserbursche, lacht, steht auf – und macht es noch einmal. Hinweise als praktische Freundlichkeiten: Hände trocken, nie quer über die Matten, Holme abreiben, Risse melden.

Seit dem 19. Oktober 1883 führt Herfurth als Hauptmann die Freiwillige Turnerfeuerwehr. Viele der Gesichter hier sind auch abends Steiger oder in der Spritzenmannschaft – dieselben Hände, die am Reck greifen, fassen an der Leiter richtig zu. Die Riegen werden so zum stillen Rekrutierungsfeld: Kraft, Maß, Kameradschaft. Der Schmiedemeister hat zwei Stahlstangen fürs Reck zugesagt; Hansen, der Fuhrwerksbesitzer, will die Matten aus dem Nachbarort holen. Am Ende erwähnt Herfurth, man wolle in den nächsten Wochen einen Turn-Abend zugunsten der Elisabeth-Stiftung geben – „für Verbandszeug und Bettstellen“. Zustimmendes Brummen; der Schmied hebt die Hand: Er stifte die Eisenwinkel für zwei neue Bettgestelle. Zum Schluss dehnen sie und singen ein Turnerlied, kraftvoll, nicht gebrüllt. „Gut Heil!“ – Geräte fort, Riegel vor. An der Pumpe fahren kalte Wasserfäden über Hände und Gesicht; die Müdigkeit setzt sich ordentlich in den Muskeln, der Kopf wird frei.

Einladung beim Kirchenrat

Auf der Hauptstraße fallen die Ladenklappen. Es ist Zahltag in den Werkstätten: Man zählt Münzen zweimal und teilt sie stumm – Miete, Ladenrechnung, Rest; Waren, die morgens per Bahn ankamen, stehen jetzt schon ordentlich im Regal. Vor dem „Goldenen Löwen“ stehen zwei Landwehrmänner auf Urlaub und nicken; am Kirchplatz sitzt Kirchenrat Friedrich Wilhelm Lueg auf der Bank – Herfurths Vorgänger im Vereinsvorsitz.
„Guten Abend, Herr Kirchenrat.“ – „Herfurth. Wie laufen die Riegen?“ – „Mit Eifer.“ – „Eifer ist gut. Maß ist besser.“ – „Drum zählen wir.“

Lueg blinzelt, als denke er einen Schritt voraus. „Sie wissen, Herfurth: Ohne die Turnerfeuerwehr hätten wir den Verein kaum so rasch wieder auf die Beine gebracht.“ – „Seit dem Herbst ’83 üben die Steiger und die Spritzenmannschaft regelmäßig“, sagt Herfurth ruhig. „Es war der Seiteneingang, den wir brauchten.“ – „Und Sie als Hauptmann geben der Sache Rücken und Richtung“, entgegnet Lueg. „Die Aufnahme in den Gauverband und die neuen Namen in der Liste – man merkt, dass es wieder atmet.“

Dann der eigentliche Grund: Lueg lädt für den Abend in sein Haus – eine kleine Gesellschaft, Bürgermeister Eissel und Dr. Flick, erster ärztlicher Leiter (Stiftungsarzt), seien zugesagt. „Mit Ihrer Frau, Herr Herfurth.“ – „Wir kommen zu zweit.“ Unter der Laube des „Löwen“ sitzt Herfurth noch kurz bei drei Turnkameraden; nur ein Krug, denn der Abend ist bestellt. Zwei Anekdoten: der Lehrling, der vor einer Maus auf den Stuhl sprang; ein Hochsprung, der im Sand endete und doch ein Lob für den Mut bekam. „Gut Heil, meine Herren“, sagt er und steht auf.

Abendgesellschaft beim Kirchenrat

Zu Hause hat Mathilde den dunkelblauen Abendrock angelegt, das Haar schmal gescheitelt und mit einer schlichten Brosche gefasst; ein dünner Wollschal liegt bereit. Lina bleibt bei den Kindern und hat versprochen, „auf jedes Räuspern zu hören“. Der Weg führt die beiden über den Kirchplatz, dann die kurze Gasse hinauf zum Haus des Kirchenrats.

Im Flur Mäntel und Handschuhe ablegen, die Visitenkarten auf das Tablett des Dieners; der Kirchenrat tritt mit unangestrengter Würde aus dem Salon: „Frau Herfurth, Herr Herfurth – Sie machen mir Ehre.“ Im Herrenzimmer riecht es nach frischem Wachs und ein wenig Tabak; auf dem Sideboard stehen Gläser, eine Karaffe Rheinwein und eine zweite mit Wasser, dazu ein Teller mit kleinen Buttergebäcken. Die Gäste sind Bürgermeister Eissel und Dr. Flick (ärztlicher Leiter).

Die ersten Sätze gelten den Höflichkeiten des Ortes: Ernteaussichten, der Zustand der Straßen, die anstehende Konfirmation. Dann legt Eissel die Hand – mit einem kleinen, fast privaten Stolz – auf die Lehne seines Sessels. „Meine Herren, meine Damen – seit fünf Jahren zählt Birkenfeld seine Schritte kürzer. Am 2. Dezember 1879 erhielten wir die Konzession; am 15. Oktober 1880 fuhr der erste Zug. Und seit heute“ – er nickt Dr. Flick zu – „zählt es sie menschlicher.“ Leises Murmeln. Dr. Flick sagt: „Wir haben zwölf Betten belegt, drei müssen wir morgen richten; Leinen ist knapp, aber geordnet; die Arzneien trafen dank der Bahn rechtzeitig ein.“ Der Kirchenrat schiebt das Tablett heran. „Man lernt, dass Nähe nicht nur eine Strecke auf der Karte ist.“

Mathilde sitzt neben der Bürgermeisterin und hört ein wenig seitlich, wie es die Höflichkeit verlangt. „Wir Frauen,“ sagt die Bürgermeisterin lächelnd, „sollen wohl dafür sorgen, dass Leinenschränke nicht leer und Suppentöpfe nicht kalt werden.“ Mathilde: „Wir hatten heute Nähstube im Pfarrhaus; Gaze gebündelt, Laken gezeichnet, Schürzen zugesagt. Und was die Küche betrifft – ich weiß, wo gute Hände sind.“ Ein kurzer, ernster Blick zwischen den Damen – man versteht sich.

Beim zweiten Glas kommt man auf Ordnung und Recht zu sprechen. „Seit 1. Oktober 1879 arbeitet hier unser Amtsgericht,“ sagt der Kirchenrat, „dem Landgericht Saarbrücken zugeordnet – vernünftig geregelt.“ Eissel nickt: „Ordnung ist kein kaltes Wort.“ Dr. Flick ergänzt: „Das Haus entstand aus der Arbeit des Vaterländischen Frauenvereins (1882) unter dem Protektorat Ihrer Königlichen Hoheit, der Großherzogin Elisabeth – bürgerlich, verlässlich, ohne Prunk.“ Er fügt leise hinzu: „Und die Bedürftigen bekommen über den Suppenverein täglich eine warme Mahlzeit. Das hilft.“

Beim Übertritt in den Salon fällt noch ein kurzes Wort zur Ordnung der Dinge. „Neunzehnter Oktober dreiundachtzig – ein guter Abend für Birkenfeld“, bemerkt Lueg halblaut. „Die Freiwillige Turnerfeuerwehr war der erste sichere Tritt auf neuem Boden.“ Herfurth nickt knapp. „Wir halten die Übungen sauber. Wenn der Verein trägt, trägt auch die Stadt.“
Bevor man aufbricht, bittet der Kirchenrat im Salon um ein wenig Musik. Am Pianino liegt eine Choralbearbeitung aus Mainz – jene, die der Postbote brachte. Mathilde steht nicht gern vor Leuten, doch Herfurth blättert, setzt sich und spielt: Vorspiel, Choral, Zwischenspiel. Kein Prunk, nur Lesbarkeit für die Ohren. Als der letzte Akkord steht, sagt Eissel: „So klingt Gemeinschaft.“ Der Kirchenrat ergänzt lächelnd: „Und wenn der Liederkranz demnächst vor der Kirche singt, wird Birkenfeld es hören.“ Niemand klatscht laut; es genügt, dass die Blicke freundlich sind. Man bricht früh auf – „damit der Tag morgen nicht rächt, was der Abend liebte“, wie der Kirchenrat sagt.

Ein Haus, das atmet – und die Stiftung, die wacht

Die Laternenanzünder ziehen mit Stäben durch die Gassen; Gasflammen züngeln auf. In der Hirsch-Apotheke brennt noch Licht; hinter der Scheibe sortiert Gleimann Etikettenstapel. Ein Handheben genügt als Gruß. An der Ecke steht Frau Keller mit dem Eimer. „Wie geht’s dem Ellenbogen Ihres Großen?“ – „Besser, Herr Herfurth. Der Herr Apotheker hat ihm eine Einreibung gegeben…“ – „Morgen kein Klettern am Zaun.“ – „Jawohl.“ Drei Sätze – genug, damit jemand leichter nach Hause geht.

Am Tor der Elisabeth-Stiftung – seit dem 7. Februar 1885 geöffnet – steht ein Wagen, der Kutscher legt die Zügel locker über den Bock. Eine Schwester trägt Leinen in den Flur; der junge Arzt tritt kurz heraus, hebt den Hut. Fünfundzwanzig Betten sind gestellt; heute Abend sind zwölf belegt. Keine großen Worte. Wer hereingetragen wird, soll drinnen Ruhe finden – das genügt als Nachricht an die Stadt.

Kleine Hausmusik, leise – und das Tagebuch

In der Stube knistert der Ofen. Mathilde hat das Nähkörbchen auf dem Schoß; Lina stellt Tassen leise ins Regal. Aus der hinteren Kammer kommt die dichte Ruhe des Kinderatmens. Herfurth macht seinen kleinen Rundgang: Karl hat das Leseblatt ordentlich gefaltet, die Stiefel stehen gerade; Elise steckt die Fibel unters Kissen; Maria hält noch den Puppenlöffel in der Hand; der kleine Adolf liegt quer, die Füße im Warmen – eine Hand, ein Griff, die Decke sitzt wieder; Christoph schläft schwer, die Kinderhand offen. Herfurth bleibt einen Atemzug länger neben ihm stehen und lächelt. Niemand ahnt, dass dieser Knabe einmal der Großvater jenes Mannes sein wird, der diese Geschichte schreibt – ein gütiger, liebevoller Opa (†1962). Und doch liegt in seiner Stirn etwas, das den Vater an Ordnung denken lässt und an Maß.

Auf dem Sekretär liegt die Choralmappe. Er notiert, wie er morgen die Orgel registrieren will: Prinzipal 8′, Gedackt 8′, Flöte 4′; im Pedal der Bordun 16′; ein leises Vorspiel, ein Zwischenspiel nach der zweiten Strophe – keine Bravour, Lesbarkeit für die Gemeinde. Daneben steckt der Zettel für die nächste Liederkranz-Probe: Donnerstag 8 Uhr im Pfarrsaal – Männerchor, Satz für Pfingsten. Nebenan lehnt die Musikalienrolle aus Mainz; die Bahn hat die Wege verkürzt: Was früher ein halbes Quartal brauchte, liegt nun binnen Tagen auf dem Tisch.

Er setzt sich, taucht die Feder in Tinte und schreibt klein und ordentlich in sein Tagebuch:

  1. Mai 1885. Bahnhof früh lebhaft. Unterricht ruhig; Schneider stockt, fängt sich. Pausenstreit – Wiedergutmachung, Handschlag, Strafarbeit – Hof wieder ruhig. Visitation zufrieden; Hinweis auf Hygiene (Krankenhaus). Disciplin Sexta (Apothekengarten) – Verwarnung, Samstag. Verein gut; Schmied fertigt Stangen; Hansen bringt Matten. Frauenverein (1882) heute Nähstube im Pfarrhaus: Leinen, Gaze, Milchküche; Schwester Therese bittet um Glasröhrchen. Turn-Abend zugunsten der Stiftung in Planung. Musikalien aus Mainz eingetroffen; Kartenrollen für die Schule per Bahn; Elisabeth-Krankenhaus heute 12 Betten belegt; Bedürftige über Suppenverein versorgt. Liederkranz-Probe Do 8 Uhr (Pfarrsaal): Männerchor-Satz. Feuerwehr: Übungen geordnet; Steiger zuverlässig. Kinder gesund; Karl tüchtig; Elise hilft; Maria sorgsam; kleiner Adolf eigensinnig; Christoph gut. Mathilde stark; Lina treu. Deo gratias.

Er bläst die Tinte trocken, dreht die Petroleumlampe herab und tritt ans Fenster: Sterne über den Dächern, die dunkle Linie des Schlossbergs, Gaslaternen, die still stehen. Er legt sich neben Mathilde und sucht ihre Hand. Als die Turmuhr zehn schlägt, schläft Birkenfeld.

Epilog: Spur bis heute

Die Hirsch-Apotheke in Birkenfeld – 1725 gegründet und 1831 in das bis heute genutzte Gebäude verlegt – feiert 2025 ihr 300-jähriges Jubiläum. Die Stadt erinnert sich an Handwerk und Heilkunst – und an die Familien, die dieses Haus getragen haben. Unter den Gästen: Wolfgang Herfurth, Urenkel von Valentin Adolf Herfurth – eine lebendige Brücke von jenem Frühjahrstag 1885 bis in die Gegenwart.

Bereits am 19. Oktober 1883 wurde in Birkenfeld eine Freiwillige Turnerfeuerwehr (Feuerwehr-Turnerriege) gegründet; ihr Hauptmann: Gymnasiallehrer Adolf Herfurth, der die Einheit bis 1905 führte – und ab 1885 zugleich den Turnverein leitete. Nach Vereinsüberlieferung war er der am längsten amtierende Vorsitzende des Turnvereins Birkenfeld; 1911 wurde er – anlässlich seines 25-jährigen Amtsjubiläums – zum Ehrenvorsitzenden ernannt, im Januar 1912 legte er das Amt nieder. In Jahr und Jahrzehnt dieser Geschichte wirkte er zudem als Dirigent des Männerchors „Liederkranz“ (seit 1883; später Fusion mit der „Liedertafel“). Im Jahr 1885 stand das Fürstentum Birkenfeld als oldenburgische Exklave unter Regierungspräsident August Barnstedt; in der Stadt amtierte Bürgermeister Eissel. Die Elisabeth-Stiftung – 1885 aus der Arbeit des Vaterländischen Frauenvereins (gegründet 1882) unter dem Protektorat der Großherzogin Elisabeth hervorgegangen – und der Bahnanschluss von 1880 gehören zu jenen Schritten, die Birkenfeld größer machten, ohne es zu vergrößern.

Nachwort des Urenkels

Wenn ich diesen Beitrag heute lese, lese ich nicht nur Geschichte – ich lese Familie. Aus Akten, Fotos und mündlichen Spuren wurde ein Tag, der atmet: das Klingeln der Bahn am Morgen, der Geruch der Hirsch-Apotheke, das leise Arbeiten der Elisabeth-Stiftung und die Stimmen des Turnvereins. Je tiefer ich suchte, desto näher rückte mir der Alltag meines Urgroßvaters Valentin Adolf Herfurth. Was als Recherche begann, wurde so etwas wie Heimkehr.

Ich war vielleicht fünf Jahre alt. Mein Großvater Christoph nahm mich an die Hand, wir gingen durch Birkenfeld, irgendwo war Marktfest; er kaufte mir einen Luftballon. Auf dem Heimweg hielt ich den Ballon, und er hielt mich. Ich spüre heute noch seine sichere, ruhige Hand – wie ein leiser Halt, der mehr sagt als viele Worte.
Wenn ich darüber nachdenke, wird mir klar: Diese Hand, die mich führte, war selbst einmal geführt worden – von seinem Vater, meinem Urgroßvater Valentin Adolf. Es ist eine einfache Linie, und doch trägt sie alles: von einer Hand in die nächste, von einem Tag in den nächsten, von 1885 bis heute. Kein Archivblatt der Welt wiegt so viel wie diese Berührung. Darum ist diese Geschichte für mich mehr als Recherche; sie ist Erinnerung, die weiterreicht.

Besonders tröstlich ist, wie sich der Bogen bis in die Gegenwart spannt. Ich durfte den heutigen Ehrenvorsitzenden Peter Nauert persönlich kennenlernen und mit ihm ein Porträt erarbeiten – ein Mensch, der Birkenfeld geprägt hat, als Bürgermeister und als Vorsitzender des TV. Mit dem amtierenden Stadtbürgermeister Hans-Peter Lampel, zugleich Vorsitzender des Vereins, stehe ich ebenfalls in gutem Austausch. Und Wolfgang Bohrer, der den Verein über gut ein Jahrzehnt geführt hat, hat mich großzügig unterstützt: mit Bildern, Informationen und einem Jubiläumsblatt. Ich danke Peter Nauert, Wolfgang Bohrer und Hans-Peter Lampel herzlich – fachlich wie menschlich verbunden; ohne diese drei wäre vieles in diesem Beitrag blasser geblieben.


Und doch liegt in all dem auch ein leiser, ehrlicher Ton von Wehmut. Mit mir endet diese Namenslinie. Zwei Töchter, neue Namen – so geht Leben. Aber Namen sind nur eine Form; das Entscheidende sind die Fäden, die weiterlaufen: Ordnung und Maß, das Helfen ohne Prunk, die Freude am Gemeinsam-Tun. Diese Fäden sind nicht an ein Schild am Haus gebunden. Sie laufen in Menschen weiter – in Vereinen, in Diensten, in Gesprächen, in Entscheidungen.

Darum schaue ich dankbar zurück und gelassen nach vorn. Der Name mag enden; die Geschichte nicht. Sie bleibt dort lebendig, wo wir sie heute weiterschreiben: im TV Birkenfeld, in der Stadt, in der Stiftung – und in jedem kleinen Handgriff, der andere leichter nach Hause gehen lässt.

Wolfgang Herfurth im September 2025


Zeitleiste

  • 1725 – Gründung der Hirsch-Apotheke in Birkenfeld
  • 1831 – Verlegung der Hirsch-Apotheke in das bis heute genutzte Haus
  • 02.12.1879 – Konzession für die Birkenfelder Zweigbahn
  • 15.10.1880 – Erster Zug / Eröffnung der Birkenfelder Zweigbahn
  • 1882 – Gründung des Vaterländischen Frauenvereins (Protektorat Großherzogin Elisabeth)
  • 19.10.1883 – Gründung der Freiwilligen Turnerfeuerwehr Birkenfeld; Hauptmann Adolf Herfurth (bis 1905)
  • ab 1883 – Dirigent des Männerchors „Liederkranz“ (später Fusion mit „Liedertafel“)
  • 07.02.1885 – Eröffnung des Elisabeth-Krankenhauses (25 Betten)
  • 1885–1912 – Adolf Herfurth Vorsitzender des TV Birkenfeld; 1911 Ehrenvorsitz
  • 1962 – Tod von Christoph Martin Friedrich, geliebter Großvater des Autors
  • 2025 – 300 Jahre Hirsch-Apotheke; ESB Krankenhaus: 1. Platz in RLP (50–<150 Betten) in der F.A.Z.-Institut-Studie „Deutschlands beste Krankenhäuser 2025“
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